IM TEILCHENDSCHUNGEL DER WAHRSCHEINLICHKEIT
FR, 26.06.1992

DAS PROJEKT DER STADTWERKSTATT ZUR ARS ELECTRONICA 1992
1992 lautete das Thema der Ars Electronica "Die Welt von Innen - Endo und Nano".
Im Studio waren eine Vielzahl von Handlungen samt Unmengen an Fernsehequipment, alles auf wenige Quadratmeter konzentriert. Ein in Echtzeit durch Kameras, Elektronenmikroskope, Computer, Telefone, Bänder, Publikum, Gäste, Künstler und Akteure generiertes TV-Ereignis.

Die Festivalleitung trachtete danach, diesmal die Künstler und deren Beiträge der Einfachheit halber unter einem Dach im Brucknerhaus zu präsentieren. Wir wählten den Keplersaal mit seiner Glasfront, der sich wie ein einsehbares "Terrarium" darbietet, im Sinne des Themas der geeignete Raum für das TV-Studio und die Handlungsflächen. Neben den Sehern zu Hause vor den Bildschirmen konnten die Besucher im Brucknerhaus einen Blick in "die Welt von Innen" werfen. Umgekehrt waren unsere Kameras wie das Auge der Schlange, das Publikum drückte sich an den Scheiben die Nasen platt.

Der Studioaufbau nahm Rücksicht darauf, daß die Koordination und Kommunikation der einzelnen technischen Einheiten und der Aktionsträger fließend und vor allem sanft und leise vonstatten gehen konnten. Zum ersten Mal gelang es uns hier, die Studioeinheiten klar räumlich als Inseln anzulegen und gleichzeitig so auszurichten, daß vom Bildmischer- und Regieplatz volle Einsicht auf die Aktionsflächen geboten war.
Sämtliche Bild- und Tonquellen bildeten ein multimediales Netzwerk.

Ein eigens konstruierter Videoswitcher gab dem Computerteam die Autonomie, sowohl
im Bildhintergrund wie -vordergrund im Dialog in die Geschehnisse am Bildschirm einzugreifen.

Die Sendung beginnt, der Vorspann läuft. 15 Sekunden später der Startschuß für eine Schafschlachtung in einem kleinen Nebenraum nahe dem Studio, der normalerweise als Umkleideraum für das Küchenpersonal des Brucknerhauses genutzt wird.
Hier wird von einem professionellen Akkordmetzger, natürlich unter Aufsicht eines Veterinärmediziners, ein Schaf geschlachtet, ohne daß irgendeiner der ca. 150 an der Sendung beteiligten Mitarbeiter, obwohl nur durch eine Wand vom Geschehen getrennt, etwas davon merkt. Das noch pochende Herz wird auf einem silbernen Teller auf ein Podest gebracht, vor dem die Anmoderatorin auf ihren Einsatz wartet.

Über Intercom das Kommando: "Das Herz ist da!" - "Achtung Kamera 3" - "Kamera 3 auf Sendung". Man sieht die Moderatorin im Brustbild.
Sie begrüßt live vom 'Herzen Europas' aus in sämtlichen auf diesem Kontinent auftretenden Landessprachen die Zuseher.
Im Vordergrund das noch immer schlagende Herz, das blutig vor sich hinpocht, während sein Körper, aus rechtlichen Gründen, bereits in einem Lieferwagen Richtung Stadtgrenze unterwegs ist.


WEITERE BESTANDTEILE DER SENDUNG
• der Tanz des nicht und nicht zu sprengenden Gartenzwerges • Zahnarzt •
Helmkamera mit Bildern aus der Jacketkrone • ausgewähltes Publikum im Zahnarztstuhl • mundhygienische Sitzung • Proben von Zahnschmelz, Haaren und Schweiß des Publikums unter dem Mikroskop • chemische Versuche, speiender Vulkan • zerknüllende Bluebox • Terrarien mit Schnecken, Eidechsen, Schlangen • Karpfenaquarien • etc. •

Die Konstrukteure von Bauten und Kulissen (funktionsfähiger Zahnarztstuhl, Superbox, Blueboxen, Aquarien–Fische in der Bluebox, elektronisches Mikroskop, geeignet für Videoausspiegelungen, Platz für Orangensprengungen, chemisches Labor für Basisversuche, Telefonhangout, Greenroom-Bühne, fahrbare Anordnung zur Herzwiederbelebung, Schlupflöcher für Ausfälle aus dem Keplersaal...) hatten die Bewegungsfreiheit der Kameras und Moderatoren und die Bespielbarkeit der Bühnen auf kleinstem Raum zu bewältigen.
Live auf Sendung bewegten sich über 40 Mitarbeiter und Akteure vor der Kamera im "Terrarium", während Zahnarzt Dr. Schmelz eine Stunde lang seiner Patientin den Zahnbelag entfernte und unsere Fernsehgäste eine ausgelassene Party zu feiern hatten.


Die Sendung wurde unter dem Titel "Im Teilchendschungel der Wahrscheinlichkeit" anläßlich der Ars Electronica 1992, die unter dem Motto "Die Welt von Innen - Endo und Nano" stand, live auf 3sat und FS2 abgehalten. Das Vorhaben manifestierte sich im Textteil des Festivalkatalogs unter anderem folgendermaßen:

Einerseits:
Das Denken in Möglichkeiten steht zur Debatte. Ein Leben zwischen Wirklichkeit und Wahrscheinlichkeit. Die Wissenschaft setzt im Konjunktiv an, denkt in Möglichkeiten
- so auch der normalsterbliche Mensch. Seien es innovative Raumkrümmungen oder ein Sechser im Lotto. Science und Fiction. Stadtwerkstatt-TV arbeitet im Moment daran, den Konjunktiv in Leben und Forschung fürs Fernsehen aufzubereiten und dort darzustellen.

Das Wissen bleibt in kleinen Bereichen.

Das Publikum hat die Nase an der Scheibe.

Struktur der Sendung bildet eine Reihe von Miniaturen, montierten visuellen Kürzeln,
die als gemachte Bilder und Töne aus den zu entdeckenden Überraschungen im Detail schöpfen: Was macht eine Orange in einem Glas Wasser? Wie entkommt die Maus dem Hammer? Was macht eine Minute lang? Ist die Kamera Bestandteil dessen, was sie betrachtet? etc. etc.

Andererseits:
Den Wasserkessel gibt es jetzt im Sonderangebot. Aber dieser ist nicht echt.
Es fehlt die dicke Bodenplatte und die Legierung ist auch nicht mehr so wie früher.
Der Kenner schätzt das Detail. Und die Wehmut, die sich einstellt beim Gedanken an ein verlorenes industrielles Zeitalter.

Stofflichkeit als Ausdruck einer Harmonie im Denken. Dazu strebt der einzelne ebenso wie die Masse. Was dem Intellektuellen am Wasserkessel liegt, das bedeutet für die Allgemeinheit das Kuscheltier im Schlafzimmer, die Jacke aus Plüsch in Himmelblau oder Rosa. Es besteht die Notwendigkeit zur Kennzeichnung: Sex im Fernsehen oder im Kino ohne Goldkettchen, ohne Rolex, ohne Satinunterwäsche ist undenkbar.
Ein gehobenes Gespräch, ein gutes Buch, eine anregende Platte ohne Zitat eine schlichte Gemeinheit. Leben und Kultur befinden sich zur Zeit in einem Zustand sublimster Veredelung. Alleine das Phänomen im Fernsehen darzustellen wäre so langweilig wie ein Pausenfüller im Salzburger Alpenzoo. Interessant sind die Schnittstellen zwischen den Systemen, wo eine Mikrowelt an die andere stößt, Relationen sichtbar werden:
Das einzelne und das Allgemeine in Wechselwirkung, oder das einzelne und das Nichts. Der kollektive Solipsismus.



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